Warum wir angeln

Warum wir angelnVerdammt. Da hängt das gute Stück. Unerreichbar. Sitzt gut verkeilt in geschätzten 3m Höhe an einem armdicken Ast und scheint mich auch noch anzulächeln. Seit einer viertel Stunde versuche ich vergebens, durch mehr oder weniger geschickte Bewegungen mit meiner Angelrute den fiesen Plastikfisch zur Rückkehr zu überreden. Erfolglos. Nachdem die Schnur einige Runden um den Ast gedreht hatte, hat sich der messerscharfe Drilling unlösbar in die Baumrinde eingehakt.

Ich hätte es besser wissen müssen. Ein ambitionierter Überkopfwurf war an dieser Stelle einfach nicht angebracht. Die Aussicht auf einen weiten Wurf bis zur anvisierten Stelle ließ mich jede Vernunft vergessen. Hab die Höhe des überhängenden Uferbaumes falsch eingeschätzt und noch dazu einfach grottenschlecht ausgeworfen. Ihr kennt das vielleicht: Schnur fixieren, Bügel lösen, ausholen, surrrrr…. Wo bleibt der Aufprall auf die Wasseroberfläche? Müsste doch längst erreicht sein? Wo ist dieser vermaledeite Wobbler nur hin?…

Jetzt hilft nur noch ein beherzter Schnitt durch die Angelschnur, um nicht weiterhin wie ein ferngesteuerter Depp mitten im Fluss stehend an meiner Angelrute zu ziehen, als hätte ich einen Riesenlachs am Haken oder wohl eher einen Riesenraben, schließlich zeigen Angelschnur und wackelndes Weidengeäst deutlich, dass ich auf keinen Fall mit einem Flussbewohner kämpfe. Hoffentlich hat mich bisher keiner gesehen, wäre ja oberpeinlich. Okay, den Plastikgesell bin ich also los. Keine Ahnung, was für ein Modell das war und ergo keine Ahnung, wieviele Euro ich soeben in die Baumkrone gejagt habe. Ich kann mir die Typen und Modellbezeichnung von diversem Angelzubehör irgendwie einfach nicht merken. War jedenfalls einer meiner Lieblingswobbler, der da oben nun ab sofort nur noch zur Belustigung von gefiederten Flussanwohnern nützlich sein wird.

Also gut, Schnur kontrollieren und zu stark beanspruchten Rest auch noch abschneiden. Das bedeutet, neben dem Wobblerverlust sind auch noch rund 5m geflochtene Schnur abzuschreiben. Ein neuer Wirbel ist schnell montiert. Zum Glück finde ich noch einen vergleichbaren Wobbler in meiner Sammlung. Der muss für den Rest des Angeltages aber reichen, hab heute schließlich schon zwei weitere der störrischen Plastikköder irgendwo im Geäst versenkt.

Müßig zu erwähnen, dass ich auch nach drei Stunden natürlich keinen einzigen Fisch gefangen habe. Um genau zu sein, ich konnte noch nicht mal einen lumpigen Anbiss verzeichnen. Dafür habe ich heute in Summe sicher schon vierzig Minuten mit dem Entwirren von Schnurperücken zugebracht, wenn ich nicht gerade versucht habe, rettungslos verkeilte Köder von Bäumen zu ernten. Mir schmerzt der Rücken, ich bin schon mehr als dreimal mächtig umgeknickt im Fußgelenk beim Herumstolpern im Flussbett – trotz Filzsohle an den Watstiefeln. Und wo wir gerade bei den Watstiefeln sind, diese Dinger sind irgendwie undicht. Jedenfalls habe ich nasse Füße, seit ich den Fluss betreten habe. Zu allem Überfluss hat sich der Himmel in den letzten 2 Stunden unbemerkt verdüstert und in etwa seit ich meinen letzten Wobblerkampf begonnen hatte, klatschen dicke Regentropfen auf die Wasseroberfläche.

Zeit für Fragen wie:

  • „Was zum Henker tue ich eigentlich hier?“

  • „Wieso sitze ich nicht zu Hause in der warmen Stube mit trockenen Füßen und einem leckeren Getränk in der Hand?“

  • „Wer hatte die blöde Idee, mich in diesen Fluss hinein zustellen, um mir dann jede Menge Wobbler, Wirbel und etliche Meter Angelschnur klauen zu lassen?“

Ich muss mich nun also endlich einmal mit solch existentiell wichtigen Fragen befassen. Glücklicher Weise lassen sie sich zu einer einzigen Frage komprimieren:

„Warum angeln wir?“

In unseren Breiten müssen zum Glück die wenigsten Menschen auf ihr Geschick beim Fischfang vertrauen, um sich ausreichend ernähren zu können. Was also treibt Wochenende für Wochenende, ja wahrscheinlich sogar tagtäglich, hunderte, vielleicht tausende Menschen, fast ausnahmslos männlichen Geschlechts, an die Ufer unserer heimischen Teiche, Seen, Bäche, Kanäle, Flüsse oder Meere? Welche unsichtbare Macht, welch geheimnisvolle Kraft lässt sie freiwillig Kälte, Regen, schlechtes Wetter klaglos ertragen, um sich stundenlang darüber zu wundern, dass kein einziger Fisch ihre sorgfältig präparierten und präsentierten Köder ernst nimmt, geschweige denn darauf herein fällt?

Ein Erklärungsversuch

Während wir in unzähligen Ratgebern lernen, via Zeitmanagement unsere Zeit noch effizienter zu nutzen und Jahr für Jahr neue Geräte, Onlinedienste und mobile Anwendungen uns immer neue Kommunikationsmöglichkeiten offenbaren, stellt sich immer öfter die Frage nach Sinn und Nutzen der neuen Errungenschaften oder Methoden. Wir leben bekannter Maßen in einer Wissensgesellschaft. Viele von uns verdienen ihren Lebensunterhalt nicht mehr mit ihrer eigener Hände Arbeit sondern mit Ihrem Kopf. Sie gestalten, programmieren oder betreiben Webseiten, konstruieren Produkte am Computer, entwerfen und berechnen Dinge in virtuellen Umgebungen oder bringen anderen Menschen in Seminaren, Coachings oder Vorträgen bei, eben dies alles zu tun. Ein nicht geringer Teil solcher Tätigkeiten verläuft in Form von Projekten. Diese wollen zudem gesteuert werden. Projektmanagement heißt das Zauberwort, Management im Allgemeinen sind neue, relativ moderne Tätigkeiten, die in unserem Berufsleben anfallen – oder gar unser Berufsleben bilden. Als Manager sind wir dafür verantwortlich, dass andere Menschen Aufgaben gestellt bekommen und diese möglichst erfolgreich durchführen. Wir kommunizieren, halten endlose Meetings ab, planen mit Hilfe digitaler Werkzeuge, kommunizieren wieder, fragen uns, wieso ein Teammitglied so unglaublich lange braucht, um diese eine Aufgabe endlich zu einem Abschluss zu bringen. Wir ärgern uns. Über andere, wir selbst können ja gar nicht mehr aktiv eingreifen. Wir sind den ganzen Tag beschäftigt und haben am Abend trotzdem nichts Produktives getan. Wir haben nichts Greifbares hergestellt, nichts zum Anfassen produziert. Fast unser gesamter Arbeitsalltag spielt sich vor Bildschirmen und in Besprechungsräumen ab. Und die eingangs erwähnten Ratgeber, Geräte und Programme unterstützen uns dabei, noch mehr Kommunikation, Projektsteuerung und Managementaufgaben in unserer verfügbaren Zeit auszuüben.

Wer, wie ich, in einem solchen Arbeitsalltag gefangen ist, sucht nicht selten nach einem Ausgleich zu all dem Überfluss an Hardware, Software und Kommunikation. So nützlich viele der kleinen technischen Helferlein auch sein mögen, ich habe manchmal das Gefühl, wir vergessen und verlernen mehr und mehr Fähigkeiten, die uns genetisch eigentlich in die Wiege gelegt wurden. Eine wesentliche Fähigkeit davon ist, mit der Natur zu leben, von ihr zu lernen und in ihr zu überleben – ohne digitale Helfer. Das Angeln kann ein Weg sein, dieser Tendenz entgegen zu wirken. Es ist ein tolles Gefühl zu wissen, dass man in einer beliebigen Truppe von Kolleginnen und Kollegen im Büro wohl einer der wenigen wäre, die in einer fiktiven Ernährungsnotlage in der Lage wären, sich selbst die benötigten Fette, Kohlenhydrate und Eiweise in Form von frisch gefangenem Fisch zu besorgen. Zugegeben, das klingt zwar abstrakt, aber ein beruhigendes Gefühl ist es dennoch.

angeln – spieẞig und öde?

Beim Angeln finden wir Ruhe, können und müssen uns vollständig auf unser Tun konzentrieren. Angeln hat etwas Archaisches, Urtümliches an sich. Wenn ich meine Rute vorbereite, meine Watbekleidung anlege und durch Wiesen und Wälder und dicht bewachsene Uferstreifen zum Fluss Kontakt aufnehme, dann fühlt sich das für mich wie die größte Selbstverständlichkeit der Welt an. Als könnte ich nichts Besseres, Sinnvolleres tun just in diesem Moment. Seltsam und schade, dass diesem wunderbaren Hobby in unseren Breiten immer noch der Nimbus der Spießigkeit anhaftet. Vielleicht ist das auch ein Zeichen dafür, wie weit sich unsere hochtechnisierte Informationsgesellschaft in den letzten 120 Jahren von der Natur entfernt hat. Dies führt teilweise zu grotesken Situationen. In meinem Bekanntenkreis habe ich mehr als einmal erleben dürfen, wie Menschen auf den Bildschirm ihres Mobiltelefons starrend felsenfest davon überzeugt sind, dass es gerade in Strömen regnet. Ihre Wetter-App zeigt es ihnen schließlich deutlich. Noch grotesker aber ist die anschließende Verwunderung der besagten Bekannten, dass es vor der Haustür tatsächlich nicht nur trocken wie im australischen Outback sondern auch weit und breit keine einzige Regenwolke am Himmel zu sehen ist. Kein Witz, eigentlich eher traurig – es gibt mittlerweile nicht wenige Menschen, die zuerst aufs Handydisplay schauen und erst danach aus dem Fenster oder vor die Tür, wenn sie die – wohlgemerkt – aktuelle Wettersituation in Erfahrung bringen möchten. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es eben dieser Menschentypus ist, den der bloße Gedanke, mit sich allein mehrere Stunden ohne jede Hektik und elektronische Ablenkung zu verbringen in Angst und Schrecken versetzt.

Versteht mich nicht falsch, ich besitze selbst ein Smartphone und verbringe täglich viele Stunden vorm Computer – dienstlich und auch privat. Doch ich stelle für mich fest, dass all diese Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten auch ihre Schattenseiten bergen. Sie verändern uns, betäuben unsere angeborenen Instinkte, lassen uns trotz allgegenwärtig verfügbarer Informationsdichte lebenswichtige Fähigkeiten und Kenntnisse vergessen und verlernen.

Angeln ist das pure Gegenteil von alledem. Habe mal in einem interessanten Artikel gelesen (http://www.welt.de/lifestyle/article3700601/Angeln-das-war-einmal-ein-Hobby-fuer-Spiesser.html), dass das Angeln unsere Sehnsucht nach Entschleunigung stillt. Ich finde, dass man beim Angeln den wahren, natürlichen Rhythmus des Lebens wieder spüren kann. Manchmal braucht es Stunden oder Tage, bis wir einen Fisch am Haken haben. Solche Vorstellungen passen nicht ins Weltbild vieler Menschen der heutigen Zeit. Dank Twitter und Co. erfahren wir in Minutenschnelle von einem Ereignis am anderen Ende der Welt. Im Supermarkt können wir alle erdenklichen Lebensmittel zu jeder Jahreszeit in zig Variationen kaufen. Falls wir etwas vergessen haben, bestellen wir es einfach per Mausklick im Internet und bekommen es tags darauf an die Haustür geliefert. Wozu sollte man sich dann stundenlang in einen Fluss stellen, um besten Falls ein oder zwei mäßig große Forellen mit nach Hause zu nehmen?

Der Weg ist das Ziel

Dieser altbekannte Spruch gilt für das Hobby Angeln mehr als alles andere. Natürlich freue ich mich über einen kapitalen Fang. Ich freue mich aber auch über einen gewöhnlichen Fang und ich freue mich ebenso, wenn ich gar nichts fange. Zugegeben, die zu Beginn des Artikels beschriebenen frustrierenden Situationen gibt es natürlich wirklich. Allerdings sind das Momentaufnahmen, über die ich schon Minuten später wieder lachen kann. Beim Fischen schärft man seine Sinne, versucht die Zeichen der Natur zu erkennen und zu deuten. Zu meinen schönsten Angelerlebnissen gehören auch Tage, an denen kein einziger Fisch gebissen hat. Aber ich habe eine wundeschöne Flussaue entdeckt. Oder Eisvögel beobachtet, die plötzlich wie aus dem Nichts flussabwärts angeschossen kamen und mit ihrem prächtigen Gefieder wie fliegende Edelsteine anmuteten. Ein anderes Mal stieg ein mächtiger Rehbock nur 20m vor mir in den Fluss, schaute kurz zu mir auf und widmete sich dann einer ausführlichen Bade- und Trinkzeremonie ohne sich von meiner Anwesenheit auch nur im Geringsten stören zu lassen.

Deswegen gehen wir angeln. Es sind diese Momente, in denen wir etwas in uns spüren, dass uns vertraut vorkommt wie ein lang vergessener Traum. Wir werden wieder ein Stückchen Natur. Wenn wir ihr gut zuhören, ihre Regeln beachten, geduldig ihre Zeichen deuten, dann werden wir mit Erfolg und gutem Fang belohnt. Für einen kurzen Moment können wir dem sich immer schneller drehenden Informationsüberfluss entkommen und das tun, wofür wir eigentlich im tiefsten Inneren, in unseren Genen, prädestiniert sind: Mit unseren Händen, unseren Sinnen, unserer Erfahrung, Geduld und Achtsamkeit Nahrung, Energie aus der Natur gewinnen. Oder es zumindest versuchen. Auch vermeintliche Misserfolge, die allseits berüchtigten „Schneidertage“, sind in Wirklichkeit Momente voller Lebensqualität. Zugegeben, meine bessere Hälfte sorgt sich des öfteren um unsere ausreichende Ernährung, wollte ich diese ausschließlich auf meinen Fischfangkünsten basieren. Aber dennoch, es gibt nichts Leckereres als selbst gefangenen und selbst zubereiteten Fisch.

Fazit für später hinzugekommene

Angeln macht einfach Spaß. Beim Angeln können wir längst vergessen geglaubte Fähigkeiten wieder entwickeln. Es verbindet uns mit der Natur und lehrt uns Respekt vor jedem Lebewesen. Der Fischfang ist sicher eine der ältesten Tätigkeiten der Menschheit überhaupt. In seiner Ausprägung als Freizeitbeschäftigung lehrt er uns Geduld und Achtsamkeit. Dies sollten wir uns öfter vor Augen führen, wenn wir in einer Flut aus E-Mails, Facebook-, Skype-, ICQ- und SMS-Nachrichten wieder einmal Mühe haben, einfach Inne zuhalten und das Wesentliche zu erkennen.

Was meint Ihr? Warum geht ihr angeln? Ich bin gespannt, welche weiteren Motive die Faszination dieses wunderschönen Hobbys unterstreichen.

In diesem Sinne: Petri Heil & Tight Lines!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.