Sind Angler seelenlose Tierquäler?

Ist angeln Tierquälerei?

Intro

Nach minutenlangem Kampf rückt mein Fang endlich in greifbare Nähe. Nervös fasse ich mit der linken Hand nach dem Käscher, der, befestigt an einer elastischen Kordel, von meinem Rücken baumelt. In der Rechten die zitternde Rute. Bemüht, die Schnur stets straff zu halten, während ich den Fluchtversuchen der prächtigen Forelle folge und dabei mit der gebogenen Rutenspitze imaginäre Ellipsen und Achten beschreibe. Langsam wird das Biest müde. Nur nicht springen lassen, schießt es mir durch den Kopf. Zu viele Prachtexemplare habe ich schon sich selbst vom Haken schütteln sehen, während sie bei zu lockerer Schnur durch die Wasseroberfläche geschossen kamen. Das soll mir dieses Mal nicht passieren, also schiebe ich den Käscher in meiner Linken langsam unter Wasser Richtung Fisch. Nur noch dreißig, vierzig Zentimeter…zwanzig, zehn… Schwupps. Hat sie! Ein triumphaler Aufschrei entrinnt meiner Kehle, während die Bachforelle tief und sicher im Netz verschwindet.

Die Pflicht

Nun muss es schnell gehen. Zügig wate ich zum Ufer, lege die Rute aus der Hand und halte meine linke Hand kurz ins Wasser, um den Fisch mit einer nassen Hand zu fassen. Sofort beginne ich, den Drillingshaken meines Wobblers aus dem Maul der rotgetupften Bachforelle zu entfernen. Spätestens dabei sehe ich, dass sie auf jeden Fall die richtige Größe hat, um sie mitnehmen zu dürfen. Sicherheitshalber ziehe ich dennoch das Maßband aus und messe respektable 34 cm. „Respektabel“ gilt in diesem Kontext für mich und meine Angelsaison 2011. Gefühlt über 90 Prozent aller gefangenen Bachforellen waren unter 28 cm groß, dem in Sachsen gültigen Mindestmaß. Die meisten schafften es gerade einmal auf Längen zwischen 20 cm und 25 cm. Aber das ist ein anderes Thema.

Ich gehe hochkonzentriert zu Werke. Das wird jeder Angler tun, dem schon einmal eine agile Forelle aus der Hand oder vom Uferrand wieder zurück ins Wasser gesprungen ist. Mir ist das übrigens schon mehr als einmal passiert. Also, nicht drumherum reden: Schnell die Holzkeule heraus geholt, ein beherzter, kräftiger Schlag auf die Schädeldecke etwas oberhalb der Augen. Deutlich ist zu spüren, wie die Körperspannung des Tieres plötzlich nachlässt. Der Schlag hat gesessen, die Forelle ist betäubt. Nun ziehe ich das scharfe Messer aus der Hülle und setze den Herzstich. Dazu wird der Fisch auf den Rücken gedreht und die Messerspitze etwa zwischen den Brustflossen, etwas mehr Richtung Kopf, angesetzt und senkrecht eingestochen. Dass ich das Herz perfekt getroffen habe, erkenne ich daran, dass gut sichtbar ein Schwall Blut heraus läuft.

Stopp

„Hat der Kerl ein Rad ab? Schwafelt hier seelenruhig davon, wie er eine eben noch quicklebendige Forelle mal eben ins Jenseits befördert.“ So oder so ähnlich mögen nun sicher einige Leser denken. Fragen drängen sich auf. Wie kann man ein Hobby betreiben, bei dem das Töten von Tieren ein Bestandteil ist? Muss man dazu ein abgebrühter Killer sein? Benötigt man vielleicht sogar eine gehörige Portion Lust am Töten? Vermutlich aber muss man mindestens ein passionierter Tierquäler sein, um Spaß an der Freizeitfischerei finden zu können…

Ein Paradoxon

Natürlich setze auch ich mich mit solchen fiktiven Gedanken auseinander. Wie kommt es eigentlich, dass ich ein Hobby betreibe, bei dem ich regelmäßig Tiere mit meinen eigenen Händen töte? Nun, ich finde, dass die oben formulierten fiktiven Fragen des Entsetzens ein Spiegelbild unserer heutigen Gesellschaft sind. In unserer westlich geprägten Zivilisation sind die Grundbedürfnisse der Bedürfnispyramide glücklicher Weise für beinahe jeden gedeckt. Wir müssen uns keine Gedanken machen, wo unsere Nahrung herkommt und unter welchen Bedingungen sie hergestellt wird. Dies führt zu einer bedenklichen Abstraktion aller tierischen Lebensmittel. Fleisch und Wurst liegen fertig verpackt im Supermarkt. Viele junge Menschen in Deutschland haben vermutlich noch nicht einmal eine Fleischerei von Innen zu Gesicht bekommen, weil der anhaltende Trend zu Vielfalt und „billig“ zu Automatisierung und Normierung führt, was große Supermarktketten naturgemäß besser beherrschen als lokale Metzgerfachbetriebe. Nun hat der moderne Mensch die Eigenschaft, dass entferntes, abstraktes, nicht direkt erlebtes oder zu sehendes Leid wider besseren Wissens nicht zu entsprechenden Handlungen zur Verbesserung einer Situation führt. Soll heißen, obwohl wir von industrieller Massentierhaltung, tödlich quälenden Tiertransporten und dem industriellen Einsatz von Giftstoffen in Futtermitteln wissen, kaufen wir im Supermarkt um die Ecke doch wieder das sauber in Plastik verpackte Schweinefilet zu 6,99 EUR pro Kilogramm. Die Tatsache, dass für das knusprige Schnitzel, die knackige Bockwurst und das leckere Hähnchen vom Grill Tiere getötet werden, verdrängen die meisten Menschen, zumindest die Städter, in den Momenten des Einkaufs und des Verzehrs.

Werden wir aber mit der Tatsache unmittelbar konfrontiert, dass wir für den Genuss von Fleisch oder Fisch das jeweilige Tier zunächst töten müssen, vergeht einigen plötzlich der Appetit.

Respekt

Wir Angler töten Fische waidgerecht. Zumindest hoffe ich, dass möglichst viele von euch das tun. Wir töten nicht zum Spaß sondern um das getötete Tier zu verzehren. Mit dieser simplen Aussage geht auch einher, dass wir nicht mehr Fische fangen und töten, als wir in nächster Zeit verzehren können und wollen. Wir achten beim Töten des gefangenen Fischs darauf, dass er möglichst keine Schmerzen erleiden muss, in dem wir ihn mittels des beschriebenen Schlages auf den Kopf betäuben. Der saubere Stich ins Herz oder, wo angebracht, der Kiemen- oder Kehlenschnitt bei großen Fischen führen zum unmittelbaren Tod des Tieres. Nun habe ich in meiner Anglerlaufbahn eine interessante Feststellung machen können. In dem ich eigenhändig Tiere töte, lerne ich, realen Respekt vor den Kreaturen dieser Welt zu haben. Niemals würde ich Tiere zum Spaß töten. Innerlich danke ich jedem gefangenen und getöteten Fisch dafür, dass er sein Leben gegeben hat, um mir als Nahrung zu dienen. Das mag für den einen oder anderen befremdlich klingen. Aber dieses kleine Ritual ist mir ein zutiefst inneres Bedürfnis geworden und es erinnert mich zudem immer wieder an den historisch ursprünglichen Zweck des Fischens – den Gewinn von Nahrung.

Ist „Catch and Release“ nicht die bessere Alternative?

Leser, die meine obigen Ausführungen studiert haben, müssen folgerichtig vermuten, dass ich ein so genannter Kochtopfangler bin. Das bedeutet, dass ich mit dem erklärten Ziel ans Wasser gehe, eventuell gefangenen Fisch zum Verzehr mit nach Hause zu nehmen. Damit einher gehen zwei logische Schlussfolgerungen

  1. Ich fange pro Angelsession nur maximal soviel Fisch, wie meine Familie und ich in absehbarer Zeit verzehren wollen und können.

  2. Fangen und Zurücksetzen (englisch „catch and release“) lehne ich ab.

In Deutschland ist es glücklicher Weise verboten, dass gefangene Fische wieder ins Wasser zurückgesetzt werden, wenn sie das Mindestmaß erreicht oder überschritten haben, außerhalb ihrer Schonzeit gefangenen wurden und keiner geschützten Art angehören. Wie jetzt, doch ein passionierter Tierquäler, dieser Kerl hier? Nein, natürlich nicht. Die Praxis des „catch and release“, die in anderen Ländern teilweise gesetzlich sogar vorgeschrieben ist für einige Arten, halte ich für ethisch fragwürdig, weil ausschließlich dem persönlichen Vergnügen des Anglers dienend.

Jeder Fang, jeder Drill versetzt einen Fisch in eine Stresssituation. Nicht selten zieht sich der gefangene Fisch Verletzungen zu. Wenn nicht durch den Haken selbst, dann durch Beschädigung der Schleimschicht auf dem Schuppenkleid, verursacht von Hand und Käschernetz. Ob Fische Schmerzen verspüren können, wird immer wieder kontrovers diskutiert. Letztlich können wir es aber nicht mit Sicherheit ausschließen. Wenn ich dies einem Tier also antue, dann sollte ich das nur unter Verfolgung eines „höheren“ Zieles tun, nämlich weil ich ihn als hochwertiges Nahrungsmittel verzehren möchte.

Die Fürsprecher und Verfechter von „catch and release“ argumentieren zumeist, dass gezieltes Zurücksetzen vor allem sehr großer Exemplare dem Erhalt des Fischbestandes diene. Auch wenn sich das Konzept auf den ersten Blick tierfreundlicher anhören mag, so muss ich dazu sagen, dass das Fangen und Drillen von Fischen zum ausschließlichen Vergnügen des Anglers nicht zu meiner Vorstellung vom ethischen Fischen passt. Wie viele „Beweise“ auch immer „catch and release“ Angler anbringen von Exemplaren, die bereits mehrfach „schonend“ gefangen und zurückgesetzt wurden – Tatsache ist, dass ein beachtlicher Teil der zurückgesetzten Fische an den Folgen des Fangens verendet.

Wozu also den 30 Kilogramm Karpfen fangen, wenn ich ihn doch nicht essen möchte? Für das Foto? Für die Anerkennung im Bekanntenkreis? Nein, liebe Leser, an diesem Prinzip kann ich keinen Gefallen finden.

Fazit

Meine persönliche Erfahrung mit begeisterten Hobbyanglern und Freizeitfischern zeigt mir, dass der Angler grundsätzlich ein sehr naturverbundener Mensch ist. Wir Angler sind schon aus reinem Eigennutz daran interessiert, dass unsere Umwelt, die Gewässer und deren Ufer naturbelassen und frei von Müll und Abfällen bleiben. Durch unsere häufigen Aufenthalte in freier Natur wissen wir um deren Wert und Bedeutung für uns Menschen.

Unser Fangziel, den Fisch, betrachten wir als ebenbürtiges Geschöpf und respektieren ihn und seinen Lebensraum. Dies gilt meiner Meinung für „catch and eat“ Angler gleichermaßen wie für „catch and release“ Verfechter. Ich unterstelle der Mehrzahl der „catch and release“ Fischer ja durchaus noble Motive. Allein, ich kann die Argumentation aus beschriebenen Gründen nicht teilen.

Leider gibt es wie überall auch schwarze Schafe. Ich habe schon Angler gesehen, die untermaßige Fische mitnahmen. Habe Fische im Plastikbeutel elendig verenden sehen müssen, weil der Angler zu feige war, sie selbst zu töten. Ich habe furchtbar zugemüllte Angelplätze vorgefunden und ich habe verendete Fische gesehen, die durch unsachgemäßes Verhalten zu Tode kamen. Von solchen Typen und Verhaltensweisen distanziert sich jeder ehrbare Freizeitfischer aber und wir wissen, dass solche wenigen Ausnahmen unseren Ruf gefährden können.

Eines aber sind wir Angelfischer keines Falls: Tierquäler. Wir lieben die Natur und ihre Geschöpfe, wir respektieren alle Lebewesen auf Erden und töten niemals grundlos ein Tier.

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